Verstärker und Strafen

Viele Wege führen bekanntlich zum Ziel. Was ist jedoch wichtig, um eine harmonische und auf Vertrauen basierende Beziehung zu meinem Hund zu fördern?

In diesemText möchte ich euch einen kleinen Einblick in das Thema Verstärker und Strafen geben, damit ihr wisst, warum ich so arbeite, wie ich arbeite.

Um einen kleinen Einblick zu gewinnen, werde ich die vier Varianten kurz benennen und danach im Einzelnen darauf eingehen.

-> Positive Verstärkung

-> Negative Verstärkung

-> Positive Strafe

-> Negative Strafe

Schon etwas verwirrend, oder?

Unser Gehirn bastelt sich das Ganze jetzt mathematisch zusammen, dadurch hast du jetzt evtl. einen Knoten im Kopf und denkst dir vielleicht: „Was will die denn jetzt?“

Nun bringen wir Klarheit in die Begriffe. Vorweg kannst du dir merken, dass „positiv“ hier dafür steht, etwas hinzuzufügen, und „negativ“, etwas wegzunehmen.

Um Klarheit zu schaffen, beginnen wir, die einzelnen Begriffe jetzt etwas genauer zu begutachten


Positive Verstärkung 

Die positive Verstärkung klingt ja schon super! Aus „Positiv“ und „Verstärkung“ macht unser Gehirn gleich „Toll, mehr davon!“ – genau das ist es auch!

Eine positive Verstärkung basiert darauf, dem Hund etwas Positives hinzuzufügen. Das, was die meisten kennen, wird wahrscheinlich Futter sein. Jedoch gibt es noch viele weitere Verstärker, welche unter anderem Spielen, Kuscheln, Lobworte etc. sein können. Eben alles, wobei der Hund sich gut fühlt und ein gutes Gefühl ausgelöst wird.

Auch fällt darunter das selbstbelohnende Verhalten. Darunter versteht man, dass der Hund ein Verhalten zeigt, da dieses an sich belohnend ist. Als kleines Beispiel, das jeder kennt und fast jeden nervt: Buddeln. Der Hund hat Riesenspaß dabei, und die Oma kann ihre Blumen neben dem Beet zusammensuchen, da Klein Fluffy einen Mords Spaß daran hatte, Gärtner zu spielen.

Daraus resultiert, dass der Hund das gewünschte und von uns verstärkte Verhalten öfter sowie freudiger zeigt. Oder eben auch Beete umbuddelt.

(Jetzt mal ernsthaft: Wenn ich für jedes Mal ’ne Tafel Schokolade bekommen würde, wenn ich mich auf einen Stuhl setze, würde ich mich auch öfter auf den Stuhl setzen.)

Wie nützen wir das jetzt im Training?

Wir können dem Hund beibringen, ein Verhalten zu zeigen und dieses mit Freude auszuführen. Auf lange Sicht wird das Verhalten selbst dazu führen, dass der Hund es gerne zeigt, da er, während er z. B. Sitz macht, ein gutes Gefühl hat.

Ein kleines Beispiel aus menschlicher Sicht: Wir wissen, wenn es zu Oma geht, gibt es leckeren Kuchen. Also gehen wir gerne zu Oma, auch wenn es keinen Kuchen gibt. Auch ohne Kuchen gehen wir gerne zu Oma, weil wir hier ein gutes Gefühl haben.

Wenn man den Grundsatz verstanden hat, kann man Klein Fluffy auch durch das selbstbelohnende Verhalten dazu bringen, ein gewünschtes Verhalten zu zeigen. Wie, fragst du dich jetzt vielleicht? Naja, gehen wir nochmal zum Blumenbeet von Oma. Nach unserem Stück Kuchen möchte Fluffy, der jetzt brav die ganze Zeit auf seiner Decke lag, in den Garten, um seine gärtnerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Doof nur, dass hier eine Türe im Weg ist … blöd, denkt sich Klein Fluffy, setzt sich hin und wirft dir einen Blick zu. In dem Moment geht die Türe auf und Fluffy kann den Blumen zeigen, wo sie ab sofort wachsen dürfen.

Du siehst also hier ist alles flauschig und freundlich, eben Positive Verstärkung. 


Negative Verstärkung

Na, was ist denn das jetzt? Negativ und Verstärkung? Wie soll denn das bitte funktionieren?

Ganz einfach: Dem Hund wird etwas Negatives weggenommen. Also eine Handlung oder ein Verhalten, welches dem Hund unangenehm ist.

Bestes Beispiel hierfür ist wahrscheinlich der Druck auf den Po, wenn der Hund sich setzen soll.

Die negative Handlung ist hier der Druck, welchen der Hund auf dem Po spürt. Um diesem Druck zu entgehen, weicht er dem unangenehmen Gefühl und setzt sich. Dadurch empfindet der Hund Erleichterung, da der Druck jetzt weg ist.


Stell dir vor: Du bist bei Oma und hast dir die köstlichste ihrer Torten einverleibt. Jetzt merkst du, dass die Hose doch etwas zu eng für die Menge an Torte war und spürst, wie der Bund unangenehm in deinen Bauch drückt. Also öffnest du den Knopf, um den Druck des Bundes zu lockern. Druck am Bauch lässt nach, du kannst erleichtert das nächste Stück verputzen.

Ergebnis:

Der Hund zeigt ein Verhalten öfter, da er Erleichterung verspürt. Er lernt also, ein Verhalten umzusetzen, da er weiß: „Wenn ich das jetzt nicht mache, wird es erstmal unangenehm.“


Kleine Info: Um diese Erleichterung verspüren zu können, wird dem Hund eine „positive Strafe“ zugefügt; ohne diese kann er keine Erleichterung spüren.

Die Gefahr, die hierbei entsteht, ist, dass der Hund vor dem negativen Druck, welcher ausgeübt wird, weg möchte. Sei es durch, wie im Beispiel genannt, sich hinzusetzen oder auch einfach wegzugehen, oder dem Druck mit Gegendruck (ggf. Abschnappen) zu antworten.


Positive Strafe

Kommen wir zur positiven Strafe. Bei der negativen Verstärkung bereits angeschnitten, gehen wir hier nun etwas tiefer in die Thematik.


Die positive Strafe bedeutet: Etwas Negatives hinzufügen. Hier steht das „positiv“ wieder für etwas hinzufügen, und die Strafe … naja, selbsterklärend.


Was bedeutet das jetzt also?

Die positive Strafe wird oft angewendet, wenn man sich nicht anders zu helfen weiß oder der Hund ein Verhalten unterlassen soll. Hierzu zählen unter anderem Rütteldosen (Schreckreiz), lautes Schreien, Leinenruck (Schmerz) als auch den Hund treten oder schlagen. Also alles, was dem Hund ein schlechtes Gefühl macht, ihn ängstigt oder ihm auch Schmerzen bereitet.


Jetzt mal ehrlich? Will man seinem Hund Verhalten durch Schmerz beibringen? Ich glaube nicht.


Wieder sachlich:

Der Hund lernt also, ein Verhalten nicht mehr zu zeigen, da er Angst vor der Konsequenz (Schreck, Schmerz) hat. Auch soziale Isolation ist eine positive Strafe. Also den Hund wegsperren oder ähnliches, ihn also von seiner sozialen Gruppe (Menschen, Zweithund) entfernen.

Der Hund lernt, unangemessenes Verhalten zu meiden.

Nehmen wir an, dein Hund bellt den Nachbarn an, du setzt eine positive Strafe, der Hund erschrickt oder hat Schmerzen und stellt das Verhalten ein.

Soweit die Theorie. Nur leider bringt das Training mit Strafe hier viele Gefahren.

Um nur ein paar zu nennen, welche aber durchaus tiefergehende Problematiken auslösen können: Nehmen wir an, dein Hund hat jetzt den Nachbarn angebellt, du schüttelst fröhlich deine Dose, Hund erschrickt, und schaut sich verwirrt um oder setzt evtl. den Allrad ein und rennt davon.

Im besten Fall für deinen Hund bellte er den Nachbarn nicht mehr an, da er gelernt hat:


Nachbar → unangenehmer Reiz → lieber leise sein.


Hier haben wir jedoch das Problem, dass dein Hund zwar gelernt hat, die Klappe zu halten, jedoch nicht weiß, wie er nun mit der zugrundeliegenden Emotion umgehen soll. Er sieht also den Nachbarn, welcher z.B. Unsicherheit auslöst, weshalb dein Hund ihn anbellt; jetzt bellt er jedoch nicht, weil er noch mehr Angst vor der Konsequenz hat als vor dem Nachbarn … Du kannst dir also vorstellen, was für ein Stresslevel dein Hund gerade hat.


Stell dir deine größte Angst vor oder etwas, was du richtig eklig findest, z. B. die schwarze haarige Spinne in deinem Keller. Das kleine Spinnchen krabbelt also auf dich zu und du fängst an zu schreien, jetzt kommt deine bessere Hälfte und brüllt dich an, dass du gefälligst leise sein sollst.

Du erschrickst und bist leise, die Spinne krabbelt aber trotzdem weiter auf dich zu.

Da der Einlauf deiner besseren Hälfte so schlimm für dich war, bleibst du bei der nächsten Begegnung mit der Spinne leise, jedoch ist deine Grundangst noch vorhanden – du hast einfach nur Angst davor, wieder angeschrien zu werden.


Ich könnte jetzt noch sehr lange weitere Beispiele aufzählen, aber ich denke, vom Grundprinzip müsste es klar sein.

Eine kleine Sache möchte ich jedoch noch ansprechen.

Bei der Arbeit mit Strafe ist es besonders wichtig, auf gutes Timing zu achten sowie auf die richtige Dosis, um Fehlverknüpfungen zu verhindern.

Nehmen wir nochmal unseren Nachbarn.

Im Bezug auf Timing: Dein Hund bellt jetzt, da er den Nachbarn gesehen hat, der Nachbar verschwindet, dein Hund hört mit dem Bellen auf. Jetzt setzt du die Strafe. Dein Hund bekommt also eine auf den Deckel für … ruhig sein?

Genau so auch in die andere Richtung: Du gehst mit deinem Hund vor die Türe und hörst den Nachbarn bereits. Dein Hund ist entspannt am Schnuppern, du setzt deine Strafe, da du denkst, er rastet gleich wieder aus. Klasse … Hund bestraft fürs Schnuppern.


Dann die Dosis: die macht es nämlich nicht nur bei deiner Ibuprofen, wenn du Kopfschmerzen hast, sondern auch bei deinem Hund. 

Zu wenig: Die Strafe war nicht nachhaltig und der Hund macht weiter. 

Zu viel: Der Hund blockiert und wird unsicher oder bekommt sogar Angst vor dir.

So, du merkst schon … gar nicht so einfach, die ganze Geschichte.

Jetzt habe ich ja auch schon das Meideverhalten angesprochen … was ist das eigentlich?

Kurzum: Der Hund vermeidet eine Situation oder ein Verhalten, da er hier etwas Unangenehmes empfindet oder Angst vor der Konsequenz hat.

Ich würde auch die Klappe halten, wenn ich genau wüsste, dass mich eine Wespe sticht, wenn ich wieder mal den armen Nachbarn anschreie.


Auch besteht die Gefahr der Fehlverknüpfungen.

Was ist das jetzt schon wieder?

Fehlverknüpfung oder auch Fehlassoziation ist das Ergebnis, wenn die Strafe komplett falsch läuft (meist Timing) und dadurch der Hund etwas vollkommen anderes damit verknüpft. Also nicht „Hör auf, den Nachbarn anzubellen“, sondern z. B. „Kinder sind gefährlich!“

Wie kommt es dazu?

Der Nachbar muss wieder herhalten. (Wir haben ihn ja jetzt sehr lieb gewonnen)

Herr Nachbar wird wieder mal von Fluffy angebellt, im gleichen Moment fährt ein Kind auf seinem Fahrrad vorbei, du setzt deine Strafe, und der Hund assoziiert jetzt nicht das Anbellen des Nachbarn mit der Strafe, sondern das Kind auf dem Fahrrad.

Klasse, neue Baustelle eröffnet, denn die Kinder auf dem Rad werden jetzt auch erfolgreich angebellt oder Allrad und raus aus der Situation.


Dein Hund hat also gelernt: Kind = Kacke.

Toll. Voller Erfolg.


Aaalso, wir fassen zusammen:

Training mit Strafe kann funktionieren, weshalb sie leider auch noch oft genug angewendet wird, jedoch ist mir das Verständnis für meinen Hund wichtiger als ein schnelles Ergebnis durch Druck, Zwang und Angst.


Negative Strafe

Nochmal zur Wiederholung: Negativ → wir nehmen etwas weg, Strafe wieder selbsterklärend.

Also kurzum: Wir nehmen dem Hund etwas, was er gut findet, weg.

Das kann sein: sein Spielzeug, Futter, Aufmerksamkeit, den Schuh vom Nachbarn etc.


Nehmen wir an, dein Hund und du spielen mit seinem Lieblingsbällchen im Garten. Dein Hund wird übermütig, wenn du ihm den Ball wegnehmen möchtest, und packt dir aus Versehen in die Hand. Du beendest das Spiel mit dem Bällchen sofort und gehst weg.

Jetzt hast du deinem Hund gleich zwei Sachen weggenommen, welche er gerne hätte: einerseits sein Bällchen und andererseits deine Aufmerksamkeit.

Der Hund lernt also:

Wildes Spielen = kein Ball und keine Aufmerksamkeit

Ergo wird er, im besten Fall, das nächste Mal lieber in den Ball anstatt in deine Hand packen und ggf. auch etwas ruhiger spielen.

Hier lernt der Hund über Frust. Denn etwas, was er gerne hätte, ist dann weg.

Bedeutet, hier haben wir auch wieder Gefahren, welche sich auftun. Manche Hunde reagieren nicht ganz so freundlich, wenn man ihnen etwas wegnehmen möchte. Ggf. deswegen, da er seinen Kauknochen immer wieder weggenommen bekommen hat, beginnt er nun, seine Ressource (den Knochen) vor dem Menschen zu beschützen.

Wie wir es vielleicht auch von uns kennen: Wenn wir ständigen Frust erleben, werden wir irgendwann wütend, pampig oder lassen etwas, was uns eigentlich Spaß gemacht hat einfach, da wir keinen Erfolg haben.

Letzteres wäre die beste Lösung (für den schuhlosen Nachbarn). Die anderen beiden sind nicht so erstrebenswert.

Also nochmals abschließend:

Positiv → wir fügen etwas hinzu.

Negativ → wir nehmen etwas weg.


Mein Fazit:


Ich persönlich bin der Meinung, dass mir der Beziehungsaufbau zu meinen Hunden über positive Energie, Spaß am Zusammensein und gemeinsames Trainieren mehr Freude und eine festere Beziehung zu meinen Hunden bringt als ein Training, welches auf Frust, Schreck oder Schmerz aufgebaut wird. Ich möchte nachhaltig an den Problemen arbeiten und meinem Hund zu verstehen geben, dass der Nachbar seinen Schuh wiederbekommt und man ihn nicht anbellen braucht, weil er existiert.

Dann braucht man eben drei Wochen länger, aber ich habe einen Hund, der gelernt hat, den Nachbarn einfach existieren zu lassen, ohne dass der Hund durch Schreck oder Schmerz dazu gebracht wird, den Nachbarn zwar kacke zu finden, ihn aber nicht mehr anzubellen.


Beides führt zum selben Ergebnis, ja, jedoch habe ich bei dem einen, meinem Hund gezeigt, dass er mir vertrauen kann, ich ihm Sicherheit gebe und der Nachbar eigentlich ganz toll ist, da es immer tolle Sachen gibt, wenn der auftaucht.

In die andere Richtung hätte ich zwar einen Hund, welcher still ist, jedoch nur, weil er Schiss hat, gleich wieder aufs Dach zu bekommen, und nicht, weil er gelernt hat, seine Emotionen und Gefühle umzustrukturieren.

Und genau das macht für mich gutes Hundetraining aus! Zusammen arbeiten, nicht ich gegen den Hund. Sondern ich mit meinem Hund.

Bedürfnisse dürfen geäußert werden, Probleme reguliert, und die Kekse dürfen regnen.


Ganz viel Liebe 



Eure Anny <3